Yves Baer
Es war surreal, dieses Jahr im Maiensommer, beim Bahnhof Altstetten erblickte ich zwei miteinander befreundete Paare in Fanshirts von Finnland und zeigte die Gruppe meinem Vater mit den Worten: «Schau, die Hockey-WM ist spürbar. Aber Eishockey und Shorts passen nicht zusammen.» Wegen den hochsommerlichen Temperaturen (über 30°C) war tagsüber die «Swisslife-Arena» geöffnet und Hockeyfans, die sich in der Fanzone befanden, konnten sich drinnen abkühlen. Auf den abendlichen Match hin mussten sie die Halle für die bezahlenden Zuschauer:innen räumen. Ursus Major und Minor, Info-Gestalter und -Kolumnist waren unterwegs nach Winterthur, um unseren Schnäggli-Zeichner Paul Girard zu treffen.
Dieses Jahr war lediglich das Gebiet um die Arena mit der Vulkanstrasse Sperrzone. Der Verkehr wurde kaum beeinträchtigt. Am Bahnhof Altstetten wiesen Wegweiser den Weg. Ganz anders 2008, damals hatten wir unsere Agentur in Altstetten. Rund um den Letzigrund wurde an den Matchtagen eine Sperrzone mit einem Radius von zwei Kilometern errichtet. Die Stadt verteilte den Anwohnenden und Gewerbetreibenden wie uns Zufahrtsbewilligungen. In meinem Tagebuch notierte ich: «Rückstau verursachende Polizist:innen kontrollieren jedes Auto, wer die Karte vergessen hat, wird gnadenlos abgewiesen. Auf der Karte steht, dass wir in der Sperrzone fahrtberechtigt seien, nicht aber parkieren dürften, da die Parkplätze den Matchbesuchern zur Verfügung gestellt würden. Nehme an, dass sich das auf die öffentlichen Parkplätze bezieht, ein Schreiben der Verwaltung, dass unser gemieteter Parkplatz an den Spieltagen der UEFA zur Verfügung gestellt werden müsste, haben wir nicht erhalten. Am Nachmittag parkieren Autos mit rumänischen und französischen Nummernschildern in der blauen Zone auf der Flurstrasse».
Das Einkaufszentrum «Letzipark», das Coop betreibt, befand sich mitten in der Sperrzone. Coop stellte das Parkhaus der Uefa zur Verfügung. Der Rückstau von den Zufahrtskontrollen bildete sich an den Matchtagen bis nach Höngg und Wipkingen. Das EM-Verkehrschaos wurde seither nur noch beim Letzigrund-Konzert von Guns’n’Roses am 7. Juni 2017 übertroffen. Wegen des Ausweichverkehrs benötigte mein 46er vom Rebbergsteig ins Schwert eine geschlagene Stunde.
Um die einleitenden Gedanken abzuschliessen, ich wohne in Höngg zwei Kilometer von der Hockey-Arena in Altstetten entfernt und etwa das doppelte vom Letzigrund. Ich sass bei abendlichen 30°C in Shorts auf dem Balkon und konnte anhand der Fangesänge aus der Fanzone das Resultat der Hockey-Nati mitkriegen, ohne den Match am Fernsehen zu schauen.
Im letzten Sommer trugen ein paar Wochen lang Mädchen, auch aus Ländern und Kulturen, die nicht als feministisch, geschweige denn als Frauenfussball-affin gelten, Fussballshirts. Dadurch wurde für mich der Frauenfussball im Alltag sichtbar.
«Was war dein Lieblingserlebnis bei der Frauen-EM?», fragt mich Ygritte, während sie mir einen verdammt guten Eiskaffee serviert. Wo die Expats in und um Zürich leben, wäre ein Thema für eine andere Kolumne.
2023 arbeitete ich zwischenzeitlich bei der Rega am Flughafen, bevor ich eine weitere Stelle in Volketswil annahm. Volketswil ist der Hauptort der Schweiz, hier sitzt der Video-Schiedsrichter des Fussballverbandes im Blue-TV-Studio. Und so wurde «Wir schalten nach Volketswil» zu einem geflügelten Wort. Volketswil ist auch eine Ortschaft, in der die GC-Graffitis jene des FCZ übertreffen. Fussballtechnisch habe ich in Volketswil als GC-Fan ein Heimspiel. Als Sozialdemokrat bin ich im SVP-Agglo-Gürtel um Zürich in der Minderheit.
«Solche Kolumnen wären cool: Berichte über das SP-Leben im Zürcher SVP Umland», fordert Ygritte resolut und fragt, ob ich ein Müsterchen geben könne. Spontan fällt mir ein Ereignis ein: In Volketswil fanden am 8. März die Wahlen in den Gemeinderat statt. Dejan Malcic ist der gewählte SVP-Kandidat. Von den Anti-Kosovo-Albaner-Plakaten der SVP bis zu Malcics Wahl ist ein weiter Weg. Und zeigt, dass die von der SVP kritisierte Migrationspolitik eben doch ein Erfolgsmodell ist.
In Zürich-Nordost, von Schwamendingen über Dübendorf, Schwerzenbach, Volketswil bis nach Illnau-Effretikon, haben sich in den letzten 30 Jahren die Kriegsflüchtlinge der Jugoslawienkriege niedergelassen. So fahren die Busse der VBG, die durch Ryffels aus Uster bereitgestellt werden, fast ausnahmslos Chauffeure aus dem ehemaligen Jugoslawien (lässt sich nicht gendern, die einzige Chauffeuse ist Schweizerin). Was mich zur Frage von Ygritte nach meinem Lieblingserlebnis an der Frauen-EM zurückbringt. Ein Mädchen, entweder aus der Türkei oder südlichen Balkan stammend, stieg in Volketswil in einem Fussballdress und mit einem Fussball in den Bus. Hinter ihm wartete in einigem Abstand ein graumelierter Herr aus derselben Gegend. Er setzte sich im Bus neben das Mädchen. Während er bei der Haltestelle den Anschein erweckte, das Mädchen nicht zu kennen, stellte sich im Bus heraus, dass er ihr Vater war. Und ihm war die Freude und der Stolz auf seine fussballspielende Tochter anzusehen.
«Im Kader der Frauennati sind aktuell 5 Spielerinnen, deren Familien ursprünglich aus dem Balkan stammen», sagt Ygritte. Was einmal mehr zeigt, wie wichtig der Sport für die Integration ist, ergänze ich, der Ausländer:innenanteil in Volketswil ist bei 26,7 Prozent. Fussballerinnen sind noch immer im Alltag sichtbar, der FC Volketswil hat über alle Altergruppen 8 Damen- und Mädchenteams.
«Cool», findet Ygritte und fragt: «Weisst du schon das Thema der nächsten Kolumne?» Ich weiss es noch nicht, und es bleibt noch etwas Zeit.
Lachend zitiert Ygritte ihre Namensvetterin aus «Game Of Thrones»: «You know nothing, Yves Baer»